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Natternkopf, Hexenkraut und Venusbad

Naturmythologischer Spaziergang des BN im Landshuter Naturschutzgebiet

Nach wie vor ziehen manche Leute ihren Hut, wenn sie an einem Holunderstrauch vorübergehen. Der Ursprung dieser ehrfürchtigen Wertschätzung geht auf eine vorchristliche weibliche Gottheit zurück, die im Hollerbusch lebte: Frau Holle! – Wie im Märchen - Foto: J. Selmansberger

Bei den „Sieben BN-Linden“ in der Ochsenau begann Berthold Riedel (5. v. r.) mit seinen mythologischen Erzählungen zu Bäumen, Sträuchern und Kräutern - Foto: L. Voit

05.08.2017

Landshut. Unter dem Motto „Natur kennen lernen, erleben und schätzen“ veranstaltete die Bund-Naturschutz-Kreisgruppe einen informativen und unterhaltsamen Spaziergang durch die „Ochsenau“ im Naturschutzgebiet „Ehemaliger Standortübungsplatz Landshut“. Zahlreiche Teilnehmer fanden sich bei den „Sieben Linden“ am westlichen Eingang zum Naturschutzgebiet ein, um an Hand vieler Geschichten und Beispiele zu erfahren, dass Pflanzen nicht nur für Botaniker interessant sind, sondern seit jeher auch in der Volksmythologie, in diversen Märchen und in allerlei Bräuchen eine bedeutende Rolle spielen. Im Rahmen des gemütlichen Spaziergangs durch die Wiesen und Wälder am Fuße der Isarleite verfolgten die Zuhörer mit großem Interesse die detaillierten, teils auch witzig-launigen Ausführungen des Landschaftsökologen Berthold Riedel.

Zu Beginn der Veranstaltung bot es sich an, den Treffpunkt bei den Jubiläumslinden zum Anlass zu nehmen, zunächst auf die Linde einzugehen, dem Baum, zu dem es wohl am meisten Sagen, Geschichten und Bräuche gibt. Sei es als Dorflinde, Tanzlinde, Gerichtslinde oder Gedenklinde, diese Baumart spielte seit jeher als Baum der Mütterlichkeit, der Gerechtigkeit und der Liebe eine große Rolle in der Mythologie und im Brauchtum. Die Linde war in der vorchristlichen Zeit grundsätzlich den weiblichen Gottheiten geweiht, während die Eiche stets im Zeichen männlichen Götter stand. Kein Wunder! Denn die Menschen hatten die Erfahrung gemacht, dass in Eichen häufig der Blitz einschlug, in Linden dagegen so gut wie nie. Daher holten sich die Menschen seit jeher lieber die Linde in die Mitte des Dorfes oder als Hausbaum in den Hof.

Danach führte der Spaziergang zunächst durch die artenreichen Wiesen der „Ochsenau“ und Berthold Riedel erzählte interessante Geschichten zu einigen Kräutern, die es am Wegesrand zu entdecken gab. Beispielsweise glaubte man früher, dass der blau blühende Natternkopf, dessen Blütenstempel der gespaltenen Zunge einer Schlange gleicht, Schlangen abwehren und gegen Schlangenbisse helfen könne. Weil er so kratzbürstig aussieht, wurde er außerdem zur Abschreckung von Ratten genutzt. Dazu musste die Zauberpflanze zur Sommersonnenwende geschnitten und in der Vorratskammer ausgestreut werden. Dabei war aber zu beachten, dass auf dem Heimweg auf keinen Fall ein Bach überquert werden durfte. Denn damit wäre die Wirkung verloren gegangen.

Ähnlich zum Schmunzeln waren auch Riedels Ausführungen zur Bedeutung von Pflanzen als Liebesorakel oder im Liebesbrauchtum. Mancherorts glaubten die Mädchen in vergangenen Zeiten, sie würden beim Auflegen von Schafgarbenblättern auf die Augenlider nachts von ihrem künftigen Bräutigam träumen. Es gab auch den Brauch, dass Mädchen in der Johannisnacht Zweige des Johanniskrautes ins Wasser stellten. Blühten sie auf, gab es noch im gleichen Jahr Hochzeit. Verwelkte das Kraut, ging das Mädchen mit hoher Wahrscheinlichkeit für die nächste Zeit leer aus. Aus den Blüten des Johanniskrauts konnte außerdem geschlossen werden, ob der Auserwählte auch tatsächlich treu ist. So pressten misstrauische Mädchen in der Johannisnacht die Johanniskrautblüten auf ein weißes Tuch. Bei Rotfärbung konnten sie sich der Treue sicher sein, bei Farblosigkeit war der Grund zum Zweifel vielleicht durchaus berechtigt.

Der entspannte Spaziergang führte schließlich in den Wald an der Isarleite, wo es das Hexenkraut zu entdecken gab. Berthold Riedel erläuterte, dass der wissenschaftliche Name Circaea auf Circe, die berühmte Zauberin der griechischen Mythologie, zurückgehe. Raffinierte Frauen nutzten in früheren Zeiten die frischen Blüten des Großen Hexenkrautes, um anziehender auf Männer zu wirken beziehungsweise um sie damit zu „bezirzen“.

Im weiteren Verlauf durch den Hangwald gab es Wissenswertes vor allem auch über Bäume und Sträucher zu erfahren. Darunter auch zu ihrer historischen Nutzung. Beispielsweise wurden aus dem Holz des Pfaffenhütchens früher Spindeln zum Spinnen hergestellt. Der Feldahorn, mancherorts auch Maßholder genannt, stellte eine bedeutende Bereicherung des Speisezettels dar, indem die Blätter durch milchsaure Gärung haltbar gemacht und ähnlich wie Sauerkraut verspeist wurden. Auch dass die Bezeichnung „hahnebüchen“ oder im Bayerischen „haglbuachan“ auf die Hainbuche zurückgeht, war für viele der Spaziergänger eine neue Erkenntnis. Die Hainbuche beziehngsweise Hagebuche, die übrigens mit der „echten“ Buche nicht einmal verwandt ist, verfügt über ein besonders hartes und zähes Holz.

Berthold Riedel wartete auf unterhaltsame Weise noch mit einigen weiteren Geschichten und Informationen auf. Er erläuterte zum Beispiel, warum sich auf den Blättern des Frauenmantels vermeintlich Tautropfen sammeln und warum das Regenwasser, das sich am Blattgrund der Wilden Karde oft tagelang hält, in der römischen Mythologie als Venusbad bezeichnet wurde. Nach gut zwei Stunden endete der heiter-vergnügliche Spaziergang. Den Teilnehmern wurde vor Augen geführt, welche Bedeutung den heimischen Bäumen, Sträuchern und Kräutern in der Kulturgeschichte zukommt und wie wenig davon heute noch bekannt ist.